
Ebisch, Quicke oder Krametsbeerbaum
Hierbei handelt es sich nicht um eine ausgestorbene oder exotische Baumart, vielmehr um eine, welche eine Fülle an weiteren Namen trägt und praktisch in den ganzen nördlichen Breitengraden verbreitet ist. Sie gehört, wie viele bekannte Obstarten und Beeren zu der Familie der Rosengewächse. Es handelt sich um die Eberesche oder auch Vogelbeerbaum genannt. Der lateinische Namen Sorbus aucuparia bringt einen Verwendungszweck zu Tage, der Heute inakzeptabel ist: Sorbus bedeutet eigentlich der Sperberbaum und aucuparia (avis = der Vogel) und ‚cuparia‘ (capere = fangen), bedeutet also, dass die Beeren ein beliebtes Vogelfutter ist und man lange Zeit damit Wildvögel für den Verzehr fing. Damit teilt man aber auch mit, dass die Beeren einer Vielzahl von verschiedenen Vögeln als beliebe Nahrung dient. Die Fülle von weiteren Namen, die auf diesen Umstand hinweisen ist durchaus erstaunlich. Der Name Kramet oder Krammet ist ein alter Name für die Wacholder, der Kranewitt ist die Wacholderdrossel, so heisst die Eberesche in manchen Gegenden eben Krametsbeerbaum, Drosselbeere, Gimpelbeere, Krähenbeere, Sperberbeere, Vogelkirsche, Vogelbär, oder einfach Vogelbeere. Über 60 Vogelarten zählt die Eberesche zu ihrem Gefolge! Nicht schlecht, wenn man bedenkt das Odin „nur“ zwei Raben besass.
Namen sind Ohmen
Verbleiben wir bei der Bezeichnung Eberesche. Die Ableitung aus „ Aber“-Esche (falsche Esche, unechte Esche), welche vielerorts bemüht wird, überzeugt wenig. Eine Herleitung aus dem „Gälischen“ eburos ist wahrscheinlicher und deutet auf die Eibe hin, es gab sogar einen keltischen Stamm, der Stamm der Eburonen. Bei dieser Ableitung hätten wir die Eiben-Esche oder eben die Ebisch, Ebsche oder Eibsche. Auch der „Eber“ ist nicht abwegig, da die Beeren (eigentlich Früchte) für die Schweinemast Verwendung fanden. Aber bleiben wir bei der Eibe, den Mythologisch hat sie uns einiges mitzuteilen. Die Eibe als solches ist ein Schwellenbaum und in der Überlieferung der nordischen Sagen könnte es sich dabei um den Yggdrasil, der sogenannte Weltenbaum handeln. Der Baum der die Welten verbindet. Die Eberesche trägt also hiervon etwas in ihrem Namen und in ihrem Wesen. Der Umstand, dass die Eberesche ein „Vogelbaum“ ist, ist ein Weiteres. Odin hatte zwei Raben, die ihm die Geschehnisse aus der profanen Welt wie aus der Anderswelt zutrugen, sie waren eine Art Götterbote und Sinnbild für den weiten Geist. Ein Selbes könnte auf die Eberesche übertragen werden. In der keltischen Kultur nahm sie eine eigene erhabene Position ein und ihr Holz wurde für manch magisches verwendet. Rituell gewonnenes Holz der Ebisch wurde an vorgegebenen Daten zum Backen für heilige Gebäcke verwendet und das am Körper getragene Holz war ein Schutz-Symbol vor Unheil und Übergriffen aus anderen Welten.

Die Esche der nordische Adam
Aus der nordischen Mythologie ist weiter zu entnehmen, das Adam und Eva nicht aus Erde geformt wurden, sondern unsere Urmutter und unser Urvater von den Bäumen abstammen. Die nordischen Götter-Väter erschufen aus den Bäumen Ask (Esche) und Embla (Ulme) die ersten Menschen. Wie wir aus der christlichen Genesis wissen, hatten Adam und Eva ein durchaus nahes Verhältnis zu Gott und den weiteren Geistwesen im Paradies – wahrscheinlich wird es sich bei Ask und Embla ähnlich verhalten haben. Natürlich fische ich hier im Dunstkreis des Möglichen und dennoch, der Namensbezug auf den ersten gottgeschaffenen männlichen Mensch und der Bezug auf den Schwellenbaum, die Eibe, zeigt doch einen hohen Grad an Ansehen der Eberesche auf. Und nur anbei, die Frucht der Eberesche sieht von nahe betrachtet wie ein kleiner Apfel aus und der Apfelbaum gehört zur selben Familie wie die Eberesche. Der Apfel in unserer christlichen Geschichte ist die Frucht der Selbsterkenntnis.
Die Quicke
Ich verbleibe beim Ohmen, doch nun gelangen wir zu einer anderen Namensinterpretation. Wir kennen alle den Wort-Gebrauch aus der Reihe der Quicke wie: das Quitschen (freudige oder durchdringende Laute), die Quetsche (die Handorgel), die Quitte (die Liebesfrucht), erquicken (sowas wie erstarken) neuzeitlich der Quicki (der schnelle Liebes-Akt). Die Quicke ist ein weiterer Name der Eberesche. Er hat mit „aktivem Sein“, Leben manifestieren- als Ton, mit Zeugungskraft, Fruchtbarkeit und Vitalität zu tun. Irgendwie erinnert mich dies an die ersten Gott- oder Göttergeschaffenen Menschen. Diese Kraft und Vitalität, die man der Eberesche zusprach, wurde rituell unter den Menschen weiter gegeben. Wie mit der Haselruten wurden mit den Ruten aus der Eberesche die Kraft und den Segen dieses Baumes an die Menschen übertragen. In der Logik, dass wir mit den Bäumen verwandt sind, wirft dies nochmals ein ganz anderes Licht auf diese Rituale.

Runa
Und nun noch ein letzter Name: „Runa“ war ein weiterer nordischer Name für unsere Eberesche. Die Ableitung der nordischen Schriftzeichen, der Runen ist für jedermann ersichtlich. Die Überlieferung besagt, dass die Runen in das Holz der Eberesche eingeschnitten wurden.
Rituelle gewonnene Holzstäbe wurden als Runenstäbe verwendet, die zur Weissagung oder zur Vorhersagung geworfen und anschliessend interpretiert wurden. Diese Vorhersage nennt man Raptomantie und das Wünschelrutengehen wird auf diese Mantik zurück geführt. Es bleibt zu Schluss die Frage offen, erhält die Eberesche die Kraft dieser Mantik direkt von den Schöpfungskräften oder wird sie durch die geflügelten Boten und ihrem tausendfachen Gezwitscher zugetragen.
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